Jahr 3 der Sanierung. Wir konzentrierten uns weiterhin überwiegend auf dem Anbau und erledigten nur kleinere Projekte im Vorderhaus.
Sockelfreilegung Vorderhaus
Der Sockel des Vorderhauses ist – wie die restliche Fassade – mit einer Vorhangfassade versehen.
Wir wollten sehen, wie es darunter aussieht, und entfernten die Paneele.
Dabei machten wir eine Entdeckung: Der Straßenausbau hat das Pflaster um etwa 20 cm angehoben. Es wurde einfach über das alte Pflaster drübergepflastert und – blödsinnigerweise – mit Noppenbahn gearbeitet.
Der ursprüngliche Sockel ist zur Straßenseite nur noch rudimentär erkennbar. Bei der anstehenden Sanierung werden wir uns hierfür etwas überlegen müssen, um wieder stimmige Proportionen herzustellen.




Fassadenfenster
Um uns einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es unter der Kunststoff-Vorhangfassade aussieht, schnitten wir mehrere kleine Sichtfenster hinein.
Auf der Südseite, straßenseitig, kam unter der Dämmwolle und der Holzlattung ein nicht mehr allzu hübscher Putz zum Vorschein – farblich irgendwo zwischen Beige und Kotzgrün.
Wir arbeiteten uns weiter vor und entfernten den Putz vorsichtig, bis wir auf das Eichenfachwerk stießen. Die Überraschung war groß: geschnitztes Sichtfachwerk, genauer gesagt Fächerrosetten mit Tauband!
Insgeheim hatten wir gehofft, dass sich das innen sichtbare Eichenfachwerk außen ebenfalls als Sichtfachwerk zeigt, mit einer solchen Ausführung hatten wir jedoch nicht gerechnet.
Unser Haus ist das vierte (sichtbare) Fachwerkhaus in der Stadt mit dieser Art von Fachwerkschmuck, der typisch für den Harzraum und Südniedersachsen ist. Es unterscheidet sich jedoch deutlich in der Ausführung von den anderen Häusern in der Stadt und hat daher mit Sicherheit einen anderen Zimmermann als Erbauer.
Einige Tage später schauten wir auch in der Gasse nach, was sich dort verbirgt: Reste von Fachwerk, das innen nicht mehr sichtbar ist, sowie eine zugemauerte Fensteröffnung – spannend!








Neue Augen für den Anbau
Aufgrund fehlender Alternativen entschieden wir uns für Holzfenster für den Anbau. Sie wurden von einer örtlichen Schreinerei gefertigt, und wir konnten sie noch vor dem endgültigen Zusammenbau selbst mit unserer Wunsch-Leinölfarbe Caparol Histolith streichen.
Außen wählten wir den Farbton RAL 6013 „Schilfgrün“ als Komplementärfarbe zum roten Backstein, innen blieb das Holz transparent behandelt. Die Zwischenräume stopften wir selbst mit Hanffasern aus. Es geht also auch ohne Bauschaum!



Abriss Hohlblocksteine, Notverbretterung Bohlenstube
Die Bohlenstube hatte als „Außenwand“ lediglich eine lose Aufreihung von Hohlblocksteinen. Durch verschiedene Arbeiten an anderen Stellen im und am Haus hatte sich diese Konstruktion langsam, aber sicher in Bewegung gesetzt.
Wir entfernten die Steine und bauten eine Notverbretterung ein.







Endgültiger Abriss Dachterrasse
Die Dachterrasse diente jahrzehntelang als Zugang zum Obergeschoss des Anbaus. Wenn die Bauzeichnungen stimmen, gab es ursprünglich eine Leiter innerhalb des Anbaus sowie einen Laubengang vom Vorderhaus.
Zu DDR-Zeiten wurde die Terrasse mit Stegbetonplatten gebaut, die auf Doppel-T-Trägern ruhten. Darüber kamen Bitumen und eine weitere Betonschicht. Tonnenschwer – und zugleich mit kaum ausreichendem Auflager. Wie das gehalten hat? Keine Ahnung.
Im Sommer wurden die Stegbetonplatten nach und nach kleingekloppt und entsorgt.
Ziel ist es nun, einen Holzbalkon an den Anbau zu bauen. Von dort aus soll künftig eine Treppe den Zugang zur Wohnung ermöglichen. Der Innenhof wird entsiegelt und begrünt.









Vorbereitung Fundamente Hofmauer
Die alte Hofmauer war nur einen Stein breit, eingefasst zwischen stark verrosteten Doppel-T-Trägern und teilweise nicht einmal mit einem richtigen Fundament ausgestattet. Wir rissen die Mauer ab, um sie in Teilen fachgerecht zu erneuern und künftig auch als Brüstung für den geplanten Balkon zu nutzen.
Ein wenig Archäologie gehörte bei dem ganzen Prozess ebenfalls dazu: In Richtung des Nachbargrundstücks legten wir vorsichtig alte Grundmauern und Einfassungen frei und dokumentierten sie. Auf unserem Grundstück stießen wir vermutlich auf eine alte Müllgrube, die teilweise mit Knochen und Kohlebriketts verfüllt war.






diverse Reparaturen am Ziegelmauerwerk, Konservierung Stahlträger
Und zwischendurch ein paar kleinere Baustellen – damit einem nicht langweilig wird …
Zum Beispiel die Konservierung des außenliegenden Stahlträgers mit Roststopp und Grundierung. Dazu kamen diverse Reparaturen am Mauerwerk sowie die teilweise Neuverfugung.




Aufdachdämmung Anbau + Gründachanlage
Der nächste große Schritt am Anbau: die Dämmung. Aus bauphysikalischen Gründen kam dabei nur eine Aufdachdämmung in Frage.
Mit dem Bauamt der Stadt – insbesondere mit dem von ihr beauftragten Sanierungsberater – führten wir über Monate hinweg eine Auseinandersetzung darüber, aus welchem Material die neue Dachhaut bestehen darf. Die Gestaltungssatzung sieht ausschließlich rote Ziegel oder Schiefer vor. Ein Bau wie unserer – ein Produktionsgebäude aus Backstein um 1900 mit flach geneigtem Dach und einer damals typischen Blech- oder Bitumeneindeckung – ist darin schlicht nicht vorgesehen.
Erst über den Kniff, ein Gründach mit einem Substrat aus rotem Ziegelsplitt auszuführen, wurde eine Abweichung genehmigt und der Durchbruch erzielt.
Das neue Dach war innerhalb einer Woche fertiggestellt. Das Extensivsubstrat stammt aus Thüringen, etwa 50 km entfernt, und wurde rund 8 cm stark aufgebracht. Begrünt haben wir es mit Sedumsprossen und einer heimischen Blühmischung. Zur Bewässerung installierten wir im ersten Jahr eine Schlauch-Tröpfchenbewässerung.
Große Teile der Gründachanlage wurden über das Förderprogramm „Naturschutz beginnt vor der Haustür!“ der Stiftung Naturschutz Thüringen finanziert.









Schlämmung Wand + Rankhilfe
Die Brandwand war vor dem Abriss des Nachbargebäudes kaum sichtbar, entsprechend wenig Mühe wurde – im Vergleich zur Schaufassade – beim Mauern und Verfugen aufgewendet.
Im Zuge der Dachdämmung konnten wir das Gerüst nutzen, um die Wand auszubessern und sie mit einer Schlämme aus Weißkalkhydrat, Dreck aus dem Haus und Wasser optisch aufzuwerten. Anschließend erhielt die Wand ein Ranksystem sowie zwei Garten-Geißblätter; später kam noch eine Rose hinzu. Seitdem arbeiten sich die Pflanzen wacker nach oben – ebenfalls, wie schon das Gründach, über die Stiftung Naturschutz Thüringen mitgefördert.





Dendrodatierung
Über Umwege – eigentlich waren wir nur auf der Suche nach mehr Informationen zu unserer Bohlenstube – kamen wir in Kontakt mit dem Landesdenkmalamt. Eine Bohlenstube (bisher sind nur zwei weitere in der Stadt bekannt) und die neuen Erkenntnisse zu unserer Sichtfachwerkfassade erregten doch erstaunlich großes Interesse.
Im Sommer entnahmen Mitarbeiter Bohrkernproben aus verschiedenen Teilen des Fachwerks (nur das Nadelholz), um über dendrochronologische Datierung das Fälldatum der Hölzer zu bestimmen.
Ein kleiner Exkurs zur Dendrochronologie...
von altgriechisch dendron = „Baum“, chronos =“Zeit“, logos =“Lehre ,Wissenschaft‘‘; also in etwa die „Lehre/Wissenschaft vom Baumalter“.
In den Jahrringen von Bäumen lassen die Wachstumsbedingungen einzelner Jahre ablesen. Gute Jahre = breitere Ringe, schlechte Jahre = schmalere Ringe. Diese Abfolge von schmalen und breiten Jahrringen sind in einer Gegend charakteristisch für eine einzelne Baumart. Durch die Vermessung vieler Bäume lassen sich sogenannte Chronolgien erstellen, die Jahrhunderte bis Jahrtausende zurückreichen können.
Mit dieser Methode können vebaute Hölzer in Gebäuden gut datiert werden: Früher wurde Holz immer „nass“, also frisch gefällt, verbaut. Durch den Abgleich mit Datenbanken lässt sich so das Baujahr eines Hauses erstaunlich genau bestimmen. Wichtig ist, dass Hölzer mit Waldkante – also mit Rinde – für die Proben ausgewählt werden. Der äußerste Jahrring zeigt das letzte Jahr vor der Fällung des Baumes.
Durch unsere Recherchen vermuteten wir bereits, dass das Haus nach dem Stadtbrand von 1554 wieder aufgebaut wurde. Also müssten die älteren Teile etwa aus den Jahren 1555–1560 stammen. Aber wie sieht es mit dem Dach aus? Wurde es 1833 beim verheerenden Stadtbrand zerstört und danach erneuert?
Eine spannende Entdeckung: Das Nadelholz im älteren Gebäudeteil ist Tanne – erkennbar an den fehlenden Harzkanälen und dem typischen Geruch nach Katzenurin beim Bohren 😉. Doch woher stammte das Holz? In der näheren Umgebung wuchsen keine Weißtannen.
Das Mansarddach wurde beim Vor-Ort-Termin vom erfahrenen Bauforscher älter geschätzt als zuvor vom Dachdecker: „1800 +/- 10, damit gewinnen Sie immer einen Kasten Bier.“ Der Dachdecker hatte 1870–1890 vermutet. Schnell wurden noch Skizzen angefertigt, und nach nur einer Stunde war der Termin schon vorbei. Das Speziallabor verwies uns auf mehrere Monate Wartezeit, da es stark ausgelastet ist …
Überraschenderweise kam das Ergebnis schon nach nur einem Monat – und bestätigte unsere Vermutungen: Das ältere Fachwerk aus Tanne stammt aus dem Fälljahr 1554/55, das Haus ist also höchstwahrscheinlich von 1555. Die Mansarde datiert auf 1792/93, also Baujahr 1793.
Wenn man dann vor diesen alten Balken steht, bekommt man fast einen Kloß im Hals. Man wird sich bewusst, wie viele Generationen hier gelebt haben, wie lange das alles an Ort und Stelle steht – und dass man nun selbst Teil dieser langen Hausgeschichte ist.



Innendämmung Anbau
Da es uns wichtig war, die Backsteinschmuckfassade zu erhalten, haben wir den Anbau – unsere Übergangswohnung – von innen gedämmt. Nach längerer Überlegung entschieden wir uns für Hanfkalk. Im Gegensatz zu anderen Materialien wie Holzweichfaser bringt er Masse in die Wände und sorgt so gleichzeitig für Schallschutz. Außerdem gleicht Hanfkalk problemlos Unebenheiten aus, und die Befestigung an der Wand gestaltet sich unkompliziert.
Das Schöne an Hanfkalk: Er besteht nur aus drei Zutaten – Wasser, Hanfschäben und hydraulischem Kalk (NHL 3,5).
Wir brachten zunächst eine Lattung an die Wände an, um davor eine Schalung anbringen zu können. Darin ließen wir etwa 10 cm frisch gemischten Hanfkalk einstampfen – so wuchsen nach und nach unsere neuen Innenwände. Auf den Latten werden später die Schienen für die Wandheizung montiert. Über den Hanfkalk kommt noch Lehm als Unter- und Oberputz.
Die Innendämmung haben wir uns zusammen mit anderen Maßnahmen, wie zum Beispiel den Fenstern, über die Bundesförderung für effiziente Gebäude fördern lassen. Eigenleistung ist zwar nicht förderfähig, aber die Materialien schon!





Neuer Stromanschluss
Der vorhandene Stromanschluss ging von der Bohlenstube aus ins restliche Haus. Mal abgesehen davon, dass er für heutige Anforderungen völlig unterdimensioniert war, war die gewählte Stelle auch ungünstig, um alle Gebäudeteile gut zu versorgen.
Der neue Stromanschluss sollte zwischen die beiden Gebäudeteile gelegt werden. In Abstimmung mit dem Elektriker wurde er so geplant, dass die Versorgung von zwei Haushalten, zwei Wärmepumpen, einer Photovoltaikanlage sowie einer Ladestation für ein Elektroauto problemlos möglich ist.
Von der Beantragung bis zur Umsetzung verging mehr als ein Jahr. Irgendwo zwischen unserem Elektriker, dem Netzbetreiber und der ausführenden Firma hing alles fest. Erst als der alte Stromanschluss teilweise ausfiel – er lief nur noch auf einer Phase, weil er wohl irgendwo im Erdreich abgegammelt war – und nach mehreren nervenaufreibenden Anrufen bei Netzbetreiber und ausführender Firma, kam endlich Bewegung ins Spiel.



Bodenfreilegung Schwarzküche
In unserer alten Schwarzküche und dem Vorraum zur Bohlenstube waren – wie im Flur des Anbaus bzw. später in Teilen der Toilette – Fliesen von Utzschneider & Ed. Jaunez aus Saargemünd (heute bekannt als Zahna-Fliesen) verbaut. Durch den intensiven Gebrauch hatten die Fliesen stark gelitten, und wir wollten auch wissen, was sich darunter verbarg.
Der Ausbau verlief recht gut: Viele Fliesen konnten wir retten und für eine Wiederverwendung sichern.
Und der Boden darunter? Alte Cotto-Fliesen, mit Gips verfugt. Wir vermuten, dass sie rund 200 Jahre alt sind. Dazwischen war irgendwann eine Wasserleitung verlegt worden, wodurch einige Fliesen beschädigt wurden.





